Das Knöllchen

Jetzt ist es passiert! Da hat man es einmal eilig und schon wird man erwischt! Volle Pulle in die Radarfalle rein gerauscht! Da man hier auf der Insel ganz hinterhältig von hinten geknipst wird, merkt man das nicht sofort. Erst wenn so ein wichtig aussehender Brief ins Haus flattert, kommt Freude auf. Und dann geht’s los: Das eigene Beamtenspanisch ist noch nicht so flüssig, dass man jedes Wort versteht, man reimt sich nur aus dem Kontext zusammen, dass man eine Ordnungswidrigkeit begangen hat und jetzt dafür bluten soll. Aber was soll man jetzt tun? Da steht nirgends eine Kontoverbindung.

Nur unten findet man gaaanz klein gedruckt eine Summe: 900 Euro! Spinnen die??!! 900 Ocken fürs zu schnell fahren? In dem Bestreben, die Sache so schnell wie möglich zu bereinigen begeht man den Fehler und fragt den nächst besten deutschen Bekannten, der schon seit Jahren auf der Insel lebt und von sich ständig behauptet, er würde Spanisch sprechen um Hilfe und gibt ihm den Wisch zu lesen. Aber der sieht auch nur die 900 Euro und macht uns richtig Mut, indem er uns erklärt, dass die hier total spinnen, wenn es um Verkehrsdelikte geht. Und, ja! Das kostet dann schon mal so übertrieben viel und deshalb fährt er ja auch nie schneller als hundert, eben weil die hier so bekloppt sind…
Lange Rede, kurzer Sinn: Man ist noch verwirrter als vorher und weiß immer noch nicht, wie man mit dem Wisch jetzt weiter verfahren soll. Wieder so ein Beispiel: verlaß dich auf andere und du bist verlassen! Da hilft nur eins: Das eigene Hirn wieder einschalten und die Sache selbst in die Hand nehmen. Jetzt noch mal in Ruhe von vorne jeden Satz einzelnd zu Gemüte führen. Und zur Not gibt es ja den Google-Übersetzer und das gute, alte Wörterbuch. Und schon lichtet sich so langsam das Dickicht: Die Polizei hat unseren Wagen mit überholter Geschwindigkeit erwischt. Mit diesem Brief teilt sie uns das nun mit aber sie nimmt nicht automatisch an, dass der Halter auch der Fahrer war. Und wenn man weiterliest steht da doch tatsächlich: „Sie können den Strafzettel nicht bezahlen, bevor nicht der Fahrer identifiziert wurde.“ Um das zu tun, wird eine Webadresse angegeben, in der man den Übeltäter verpetzen muß. In unserem Fall waren wir das selber. Also, die angegebene Webseite aufrufen, die gewünschten Daten eintragen und schon ist der Fall fürs Erste jedenfalls erledigt. Gibt man den Namen des Fahrers nicht preis, dann sind die 900 Euro fällig. Und für ´s Verpetzen hat man sogar zwanzig Tage Zeit. Wenige Tage später kommt dann ein Brief per Einschreiben. Dieser beinhaltet dann die Höhe der Strafe, die mitnichten 900 Euro beträgt. Die Behörde kommt einem sogar noch entgegen: wenn man seine Strafe sofort, bzw. innerhalb der nächsten zwanzig Tage bezahlt, geben sie einem sogar 50% Rabatt! Das heiß, die Strafe reduziert sich auf die Hälfte. Am Rand des Schreibens stehen sogar diverse Möglichkeiten, wie und wo man sein Geld los wird. Wir sind schnurstracks zur nächstgelegenen Filiale der genannten Bank gegangen, haben mutig unseren Strafzettel vorgezeigt und der nette Mensch am Schalter hat das Geld entgegengenommen, unseren Wisch kopiert, uns eine Quittung unterschreiben lassen, diese ebenfalls für uns kopiert, alles zusammengeheftet, mannigfaltig abgestempelt und uns mit der Mahnung entlassen, die Papiere mindestens ein Jahr lang aufzuheben.
Jetzt ruhen sie im Handschuhfach des „Fluchtfahrzeugs“ für den Fall, dass man bei der nächsten Kontrolle beweisen muss, dass man sein Knöllchen tatsächlich schon bezahlt hat. … alles halb so wild.

Text: Nadja von der Hocht

Nadja von der Hocht

Autor: Nadja von der Hocht

Onlineredakteurin, Autorin, Illustratorin

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