Neu auf Mallorca

Leben auf der Deutschen liebster Ferieninsel. Viele träumen davon und einige wenige erfüllen sich diesen Wunsch. Die Geschichten, unter welchen Umständen man hier gelandet ist, sind mannigfaltig und so verschieden wie die Menschen selbst.

Ich bin neuerdings einer davon. Die Entscheidung nach Mallorca zu ziehen war nicht leicht und hat sich über einige Jahre hingezogen.

Es mussten viele Fragen beantwortet werden:

Was hält uns noch in Deutschland? Ist es in Spanien besser? Reicht das bessere Wetter um sich wohl zu fühlen? Was ist mit dem Lästigen Papierkram? Welche Behördengänge muss ich erledigen und kann ich das alleine? Wie melde ich mein Auto um und was zum Henker ist eine NIE?

Manche dieser Fragen muss man sich selbst stellen, für andere wiederum braucht man kompetenten Rat und die neuesten Informationen. An letzteres zu kommen ist nicht ganz einfach, da einem gerne uralter Klatsch und Tratsch als Tatsachen verkauft werden. Deshalb gilt: bloß nicht auf das Geschwätz von Leuten hören, die Ihre Erfahrungen aus zweiter Hand haben oder selbige vor Jahren gemacht haben, da sich hier behördenmässig ständig die Gesetze und Vorschriften ändern. Immer auf dem neuesten Stand zu bleiben ist harte Arbeit. Deshalb nehmen die meißten Leute hier die Dienste der sogenannten „Gestorias“ in Anspruch. Die erledigen den lästigen Papierkram für einen. Allerdings nicht umsonst. Wer versuchen möchte, sich das Geld zu sparen, kann auch direkt zur Behörde gehen und sich dort aus erster Hand schlau machen. Und keine Angst! Die Leute auf dem Amt sind alle sehr nett! Auch wenn einem die zugezogenen Deutschen hier fast alle was anderes erzählen wollen. Wenn man sich wenigstens Mühe gibt sein Anliegen auf Spanisch vorzutragen, wird einem sofort, freundlich und kompetent weitergeholfen. Wenn man allerdings großspurig, von oben herab, also typisch deutsch daherkommt, könnte man auf die Erfüllung seiner Wünsche dann doch etwas länger warten…

Unsereiner hat die notwendigen Behördengänge als sportliche Herausforderung betrachtet. Ist doch auch mal ein Abenteuer nach Palma zur Ausländerbehörde zu fahren, selbige erst mal zu finden und dann sein Anliegen mit wenigen Brocken Spanisch höchst selbst vorzutragen. Mit Geschichten im Kopf von Leuten, auf die man besser nicht gehört hätte, trägt man noch eine ordentliche Portion Schiß mit sich herum, da die Beamten hier ja angeblich so stur sind und aus Prinzip nur Mallorquin bzw. Catalan sprechen. Das kann ich ja mal so überhaupt nicht bestätigen.

Aber wir waren ja auch vorbildlich vorbereitet und sind mit einer ganz entspannten, also extrem undeutschen Einstellung an die Sache rangegangen:

Vor der Praxis kommt im Idealfall die Theorie. Was bedeutet, erst schlau machen, bevor man sich ins Auto setzt.

Also ab ins Internet. Dass man hier für sämtliche lebenswichtigen Dinge, wie Bankkonto oder Miet- oder Kaufverträge eine NIE braucht, wurde uns schon mitgeteilt. „Die Nummer, die den Ausländer identifiziert“ – grob übersetzt. Um hier also in irgendeiner Weise tätig werden zu können, muß man sich so eine NIE besorgen. Die gibt es in Palma im Ausländeramt. Da wir auf der ganz anderen Seite der Insel wohnen, überlegt man sich so eine Fahrt nach Palma dreimal. Das heißt, gut vorbereiten und bloß nichts vergessen. Was muss man für so einen Beamtengang alles mitbringen? Folgenden Schritt haben wir dann doch wieder typisch deutsch erledigt: genau recherchieren, ja nichts vergessen und lieber doppelt absichern. Das Ergebnis: im Internet fanden wir ein Formular, das man ausfüllen muss um die NIE zu beantragen. Selbiges wird ausgedruckt und vorsichtshalber mehrmals kopiert, da einem zugetragen wurde, die Behörden verlangen immer viele Kopien, kopieren aber nicht selbst. Um sich also unnötige Rennerei zu ersparen wird auch der Reisepaß mehrfach kopiert. Mit einem Arm voll Kopien von nur zwei Dokumenten macht man sich auf die Fahrt nach Palma und zwar möglichst früh, da es dort immer sehr überfüllt sein soll und die Leute schon Stunden bevor geöffnet wird anstehen, weil jeder der Erste sein will.
Auch alles nützliche Informationen, die man sich zuerst beschaffen muss. Genau wie die Lage und die Öffnungszeiten der Banken, bei denen man seinen Eintrag ins Ausländerregister und seine NIE bezahlen muss. Die Beamten nehmen nämlich kein Bargeld an.

Nachdem man sich also fluchend durch Palmas Einbahnstraßen im Hafenviertel einen Weg gebahnt hat um wenigstens in die Nähe der Behörde zu kommen und einem freundlich winkenden selbsternannten Einparkhelfer einen Euro in die Hand gedrückt hat, in der Hoffnung, dass der Wagen hier nicht abgeschleppt wird, muss man einsehen, dass man zwar früh da ist aber beileibe nicht früh genug. Selbst eine halbe Stunde bevor die Behörde ihre Pforten offiziell öffnet, windet sich die Schlange der Wartenden bereits um die erste Kurve.

Da steht man nun und ist zum ersten Mal selbst der Ausländer. Zwischen den ganz normalen Menschen, wie man sie auch von zu Hause z.B. vom Arbeitsamt her kennt, stehen dann ein paar Leutchen, die sich alle Mühe geben, sich von der Masse der „Ausländer“ abzuheben. Man sieht sie nicht nur, man kann sie auch kaum überhören. Es sind Landsleute, um nicht zu sagen Deutsche, die sich lautstark darüber unterhalten, was hier in Spanien alles falsch läuft. Die Typen gibt´s echt überall. Wir halten etwas Abstand und konzentrieren uns auf unseren eigenen Kram, denn die Tore haben sich gerade geöffnet und die Schlange setzt sich erstaunlich zügig in Bewegung. Gleich am Eingang teilen sich die Leute in zwei Gruppen auf. Die eine steht vorm Ausländeramt, die andere vor der Polizei. Wir waren gerade im Begriff uns in die linke Schlange einzuordnen, als wir hörten, dass es die NIE bei der Polizei gibt. Klingt komisch … ist aber wohl so. Na gut, wenn dem so ist, also brav rechts einreihen. Die Schlange endet vor einem Schreibtisch, wo eine Dame Formulare verteilt. Sie spricht tatsächlich Catalan. Jedenfalls nehme ich das an, weil ich nur ca. jedes dritte Wort verstehe. Es ist aber ausreichend, um ihr klar zu machen, das wir gerne eine NIE hätten und halten ihr unsere streberhaft bereits ausgefüllten Formulare unter die Nase. Jetzt will sie noch wissen wozu wir die NIE brauchen. Komische Frage… aber wir antworten höflich auf Spanisch, weil wir hier leben wollen und uns gerne eine Wohnung mieten möchten. Das geht nur mit einer NIE. Das Wunder geschieht: Die Beamtin, die angeblich so engstirnig sein soll und prinzipiell nur Catalan spricht, versteht mein spanisches Gestammel überreicht uns eine Abriss-Nummer und dann dürfen wir Platz nehmen und warten, bis wir dran sind. Das war ja jetzt nicht so schwer. Wie geht’s wohl weiter? Bin schon sehr gespannt, angesichts der vielen Horrorgeschichten, die man bis jetzt so von spanischen Ämtern vernommen hat. Wir suchen uns einen Sitzplatz und vergleichen unsere Abrissnummer mit der auf der altertümlich anmutenden Anzeigentafel vor uns. Nur knapp dreißig Leute vor uns. Man will schon anfangen zu stöhnen, als man registriert, dass es doch recht zügig voran geht. Es ist noch früh am Morgen, die Leute sind motiviert und es sind doch tatsächlich alle Schreibtische im Raum gegenüber besetzt. Zwei Reihen vor uns sitzen die wichtigen Typen von vorhin und lassen niemanden im Unklaren darüber, wie gut sie sich hier auskennen und dass es doch immer wieder ein Kreuz mit der spanischen Bürokratie ist. Natürlich sind beide äußerst erfolgreiche Geschäftsmänner, von denen der eine gar kein Wort Spanisch spricht und der andere zum Übersetzten mitgekommen ist. Dieser wiederum kann gar nicht verstehen, warum man hier so sehr darauf besteht, Catalan zu sprechen, ( das beherrscht er nämlich auch nicht) zuhause in Deutschland würde man die Ausländer ja auch nicht zwingen Kölsch zu lernen…

Ich komme gar nicht dazu über diese Aussage nachzudenken, denn die beiden Schlipsträger diskutieren bereits lauthals das nächste Aufregerthema. Sie haben, genau wie wir, die Nummer im Blick, um ja nicht zu verpassen, wann sie dran sind und beobachten, dass alle Leute sich erst von ihren Plätzen erheben, wenn ihre Nummer aufleuchtet. So eine Zeitverschwendung! Natürlich hat man sich gefälligst schon mal in die Nähe der Tür zu bewegen, wenn die Nummer vor einem dran ist, um ja die vier Sekunden Zeit zu sparen, die man braucht, um aufzustehen und den Raum zu betreten, in dem die NIE vergeben wird!

Ich rutsche auf meinem Stuhl ein wenig in mich zusammen und versuche nicht zu deutsch auszusehen. Ist ja peinlich!

Endlich kommen wir an die Reihe und dürfen einem jungen Mann gegenüber Platz nehmen, der freundlich unsere Papiere entgegen nimmt. Er ist sehr bemüht unsere für ihn komplizierten Namen korrekt in seinen Computer einzutippen und gewährt uns anschließend einen Blick auf seinen Monitor, damit wir überprüfen, dass unsere Daten auch ja fehlerfrei übertragen wurden. Er ist sehr höflich und geduldig und verbessert gerne, wenn man sich vor Aufregung wieder verhaspelt hat. Er überreicht uns ein Formular, mit dem wir zur nächsten Bank gehen sollen, um dort die Bearbeitungsgebühr einzuzahlen. Nach schüchterner Nachfrage unsererseits schenkt er uns sogar einen Plan auf dem sämtliche Banken eingezeichnet sind, die diese Einzahlung entgegen nehmen. Das machen nämlich nicht alle.

Wir bedanken uns und zischen los, um die nächste Bank, gleich um die Ecke aufzusuchen. Wir haben Glück. Die Banken nehmen diese Einzahlungen nur bis zu einer bestimmten Uhrzeit an. Das hatten wir auch noch nicht gewusst und zehn Minuten vor Schalterschluß werden wir unser Geld noch los und eilen fröhlich mit abgestempeltem Beleg in der Hand zur Behörde zurück. Dort angekommen heißt es wieder, Nummer ziehen und warten. Dieses Mal zieht sich die Wartezeit ziemlich lange hin. Zwischendurch sehen wir, wie die beiden wichtigen Geschäftsmänner mit grimmiger Miene aus dem Raum kommen. Wild gestikulierend verlassen sie im Stechschritt die Behörde. Hat wohl nicht alles so geklappt, wie sie das wollten. Woran das wohl gelegen hat? …

Gute zwei Stunden dauert es, bis wir wieder dran sind, denn jetzt sind nur noch zwei Tische besetzt. Mittlerweile ist es Mittag und die Kollegen sind wohl zu Tisch. Jetzt bearbeitet unseren Fall eine hübsche, junge Dame, die auf alle unsere holperig formulierten Fragen geduldig eine ausführliche Antwort gibt. Dann muss der Chef noch was absegnen und unterschreiben und zwei Minuten später hat Mallorca zwei weitere glückliche Besitzer einer NIE!

Beschwingt gehen wir zurück zum Auto, das unberührt auf uns wartet. Wenn das kein Erfolgserlebnis war. Den ersten wichtigen Behördengang ganz alleine erfolgreich gemeistert. Hat doch Spaß gemacht. Okay, bis wir zu Hause sind ist der Tag um, wir haben Hunger bis unter beide Arme und sind ziemlich durchgeschwitzt, obwohl es gar nicht so heiß ist. Aber das war mit Abstand der befriedigendste Beamtengang, den wir je durchstehen mussten. Ich weiß nicht, worüber sich die Leute dauernd beschweren.

Als nächstes melden wir uns im Rathaus unserer neuen Gemeinde an. Mal sehen, wie die so drauf sind. Irgendwo muß dieser unausstehliche, mallorquinische, sture, nur Catalan verstehende Beamte doch sitzen, von dem sie hier alle erzählen …

Text: Nadja von der Hocht

Nadja von der Hocht

Autor: Nadja von der Hocht

Onlineredakteurin, Autorin, Illustratorin

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