Saudi – Arabien zu Beginn der 80-er Jahre

Meine erste Erinnerung an Saudi – Arabien ist diese dicke, feucht-warme Wand aus Luft, gegen die ich lief, als ich mit meiner Familie damals nachts aus dem Flugzeug gestiegen bin. Begrüßt wurde ich von einem jungen Saudi vom Bodenpersonal mit den Worten:          „Hey, Baby!“, was mich als Fünfjährige sofort auf die Palme brachte und ich mich genötigt sah, dem frechen, jungen Mann dahingehend zu informieren, daß ich schon lange kein Baby mehr sei. Erbost und erhobenen Hauptes umklammerte ich mein kleines, geblümtes Köfferchen in dem sich alle meine Lieblingsspielsachen befanden und folgte meinen Eltern ins Flughafengebäude. Als sich die Türen hinter uns schlossen, wechselte die Temperatur wieder schlagartig in eine angenehme Kühle und mein erster Blick fiel auf ein Paar unglaublich schmutzige, verhornte und rissige Fußsohlen. Sie gehörten einem Araber, der mit ausgestreckten Beinen auf dem Boden saß, an der Wand lehnte und schlief. Als ich mich umsah, bemerkte ich noch mehr Männer und von oben bis unten schwarz verhüllte Gestalten, die es sich auf dem harten Fußboden bequem gemacht hatten und anscheinend auf irgendetwas oder jemanden warteten. Die Männer trugen alle, wie es mir schien, weiße Nachthemden und niemand trug festes Schuhwerk. Alle hatten sie Flip-Flops, Sandalen oder anders geartete Latschen an und fast jeder hatte ungepflegte, schmutzige Füße. Meine Mutter wickelte sich den Riemen ihrer Handtasche um Brust und Hals und nahm meine kleine Schwester und mich links und rechts an die Hand, nachdem sie bemerkt hatte, daß ihre blonden Töchter sämtliche Blicke auf sich zogen. Wir glitten geschmeidig, dank der Diplomatenpässe meiner  Eltern durch sämtliche Kontrollen und verließen das Flughafengebäude mit vollständigem Gepäck auf der Suche nach einem Taxi, das uns zu unserem Hotel bringen sollte. Auf dem Weg erwehrte ich mich in dem Gedränge mehrerer großer, dunkler Hände, die alle meinen blonden und den noch viel helleren Haarschopf meiner kleinen Schwester berühren wollten. Wie wir später erfuhren, bringt das Berühren blonder Haare wohl Glück und so bewegte ich mich die folgenden drei Jahre unseres Aufenthalts in der Öffentlichkeit auf einem ständigen Zick-Zack-Kurs, um den grapschenden Händen, die es auf meine sorgfältig gekämmte Haarpracht abgesehen hatten, auszuweichen.          Damals befand sich die Deutsche Botschaft noch in Djiddah und alle Staatsdiener wohnten in einem mit hohen Mauern umringten Compound. Es gab nur ein Tor und alle Häuser waren im Kreis um einen kleinen Pool angeordnet, der mir als Kind allerdings riesig und tief vorkam. Außerdem gab es eine Tischtennisplatte aus Beton ohne Netz und einen kleinen Spielplatz, dessen Sandkasten die streunenden Katzen gerne als Toilette benutzten. Das war es dann auch schon an Attraktionen, die einem so geboten wurden. Die Woche begann am Samstag und Donnerstag und Freitag war Wochenende. Zweimal im Jahr fiel für ein paar Minuten warmer Regen vom Himmel und fünf Mal am Tag erscholl von der nahen Moschee der Aufruf zum Gebet zu uns herüber. Während die Männer bei der Arbeit waren, langweilten sich die Frauen zu Hause, da es ihnen nicht erlaubt war Auto oder Fahrrad zu fahren. Außerdem war es sowieso viel zu gefährlich unverschleiert alleine den Compound zu verlassen. Wollten die Frauen zum Einkaufen auf den Markt fahren, mussten sie warten, bis die Männer zurück kamen, oder bei der Botschaft einen Fahrer ordern, was aber nur selten genehmigt wurde. Wir Kinder wurden jeden Tag mit dem Bus zur Schule bzw. in den Kindergarten gefahren, die sich ebenfalls auf einem hoch eingemauerten Grundstück befand. Kontakte zu arabischen Kindern kamen nie zustande und waren von arabischer Seite wohl auch nicht unbedingt erwünscht. An den Wochenenden entflohen wir mit mehreren Familien aus der Enge des Compounds um nach ein paar Stunden Fahrt durch die glühende Wüste am Roten Meer zu entspannen. Die Tage an dem einsamen Strand haben mir immer gut gefallen. Da Saudi – Arabien zu der Zeit kaum jemanden ins Land gelassen hat und „ungläubige“ Touristen schon mal gar nicht, hatten wir den Strand immer ganz für uns alleine. Unser bevorzugter Strandabschnitt war zu einer Seite durch hohe Felsen geschützt, auf denen wir gerne herum geklettert sind und das Meer war an dieser Stelle sehr lange, sehr seicht. Mir kam es vor, wie 100 Meter, bis das Korallenriff endlich senkrecht in der Tiefe verschwand. An diesem unberührten Strand übten wir Schnorcheln. Wir sammelten Muscheln, ekelten uns vor Seegurken und lernten, die Fingerchen nicht in den weit geöffneten Rachen der vielen Mördermuscheln zu stecken. An keinem anderen Riff der Welt habe ich bisher so viele schöne, bunte und vor allem gesunde Korallen bestaunen dürfen. Alle Arten von farbenfrohen Fischen tummelten sich zwischen den Korallen und Seeanemonen und einmal schwamm sogar ganz gemächlich ein Rochen an mir vorbei. Gelegentlich bekamen wir Besuch von einem Fischer, der uns Sardinen verkaufte und Nachts, wenn wir gemütlich am Lagerfeuer saßen und Marshmallows grillten, kam regelmäßig eine Polizeistreife vorbei, vor der die Erwachsenen schleunigst ihren heimlich mitgebrachten Alkohol verstecken mussten. Alkohol ist streng verboten, unverschleierte Frauen, die in kurzen Röcken oder sogar Hosen herumlaufen, werden abfällig betrachtet oder auch gerne mal sexuell belästigt. Kleine Mädchen, gerade erst „geschlüpft“ werden mit Goldarmreifen behangen und haben sogar Ohrlöcher für goldene Ohrstecker. Sie werden wie Prinzessinnen herausgeputzt und in übertriebene Rüschenkleidchen gesteckt, um sie, kaum dass sie 12 Jahre alt sind komplett zu verschleiern und sie so bald wie möglich zu verheiraten. Während den Frauen und Mädchen systematisch jeglicher Spaß verboten wurde, durften die Jungs, auch nicht älter als 12, die Gegend mit Daddy´s schwerem Jeep unsicher machen. Das fand ich damals als Kind schon extrem ungerecht. Aber wozu gibt es denn die Wüste, die so schön menschenleer ist? Hier durfte ich als Drei-Käse-Hoch auf Papa ´s Schoß nach Herzenslust die Familienkutsche kreuz und quer durch die Gegend lenken. Wo kein Kläger, da kein Richter.          Da es für Europäer, was die Freizeitgestaltung angeht, in einem arabischen Land schnell langweilig werden kann, weil Kampftrinken, in Extase tanzen und feiern, bis daß der Arzt kommt, schlichtweg verboten ist, wurden die wilden Partys kurzerhand hinter den schützenden Mauern unseres Compounds gefeiert. Der Alkohol floss in Strömen und längst vergessene Schlagerbarden konkurrierten an Lautstärke mit dem Muezzin. Natürlich blieb das nicht unbemerkt. Da wir uns aber in unserem kleinen Reich auf deutschem Boden befanden und der deutsche Diplomat damals noch Immunität genoss, ließ man die Ungläubigen ungestört feiern und nicht selten meinte ich auf solchen Partys, wo ich eigentlich schon längst in der Falle hätte liegen sollen, den ein oder anderen arabischen Botschaftsangestellten mit einem Longdrink in der Hand und einem seligen Lächeln auf den Lippen gesichtet zu haben.          Das alles ist jetzt gut 35 Jahre her. Da die Uhren in der arabischen Welt ja bekannter Maßen ganz anders ticken, nicht umsonst hinken sie in ihrer Zeitrechnung ca. 400 Jahre hinterher, würde es mich interessieren, ob sich seit damals viel verändert hat. Aber ich fürchte, ohne Diplomatenpass und Bodyguard gestaltet sich ein Besuch heute wohl eher schwierig.

Text: Nadja von der Hocht

Nadja von der Hocht

Autor: Nadja von der Hocht

Onlineredakteurin, Autorin, Illustratorin

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